Wenn wir ein Werk zum ersten Mal betreten, schauen wir nicht dorthin, wo es sauber aussieht. Wir schauen dorthin, wo niemand hinschaut: nach oben, hinter Maschinen, in Kabelkanäle, auf Lüftungsgitter. Dort zeigt sich der tatsächliche Zustand einer Anlage.
Vierzig Jahre Industriereinigung haben uns gelehrt: Die sichtbaren Flächen sind selten das Problem. Die Probleme entstehen dort, wo der Blick nicht hinfällt — bis etwas ausfällt, eine Prüfung ansteht oder ein Kunde durch die Halle geführt wird.
1. Oberseiten von Rohrleitungen und Kabeltrassen
Horizontale Flächen in der Höhe sammeln jahrelang Staub, Fett und Produktionsrückstände. Das sieht von unten niemand. Aber: Dieser Belag kann bei bestimmten Partikeln zum Brandrisiko werden, bei Audits Fragen aufwerfen und bei Wartungsarbeiten auf Mitarbeiter und Maschinen herabrieseln.
2. Lüftungsgitter und Absauganlagen
Die Zuluft kommt sauber an — aber was passiert am Gitter? Verstaubte Einlässe reduzieren die Luftleistung schleichend. Die Anlage kompensiert, der Energieverbrauch steigt, und irgendwann wundert sich jemand über die Stromrechnung. Oder über die Luftqualitätsmessung.
3. Maschinenunterseiten und Sockel
Unter Maschinen sammelt sich, was während der Produktion heruntertropft: Öl, Kühlmittel, Metallspäne, Lebensmittelreste. Das bleibt oft jahrelang liegen, weil die Maschine im Weg steht. Bei Wartung oder Umrüstung wird es sichtbar — und riecht entsprechend.
4. Ecken hinter Regalen und Einbauten
In Lagerbereichen entstehen tote Winkel, die bei der Unterhaltsreinigung ausgespart werden. Dort sammeln sich Staub, Verpackungsreste und gelegentlich Schädlinge. Bei IFS- oder HACCP-Audits werden genau diese Stellen geprüft.
5. Deckenstrukturen in Produktionshallen
Trapezbleche, Stahlträger, Beleuchtungskörper — alles, was mehr als drei Meter hoch hängt, gerät aus dem Blickfeld. Staubnester auf Lampen können bei Hitzeentwicklung zur Brandlast werden. Ablagerungen auf Stahlkonstruktionen beschleunigen Korrosion.
Die meisten Unterhaltsreinigungen folgen einem Flächenplan: Böden, Sanitäranlagen, Büros. Das ist richtig für den täglichen Betrieb. Aber es ist nicht darauf ausgelegt, versteckte Verschmutzungen zu finden.
Hinzu kommt: Wer täglich in einer Halle arbeitet, gewöhnt sich an den Zustand. Das leichte Grau auf den Rohren war schon immer da. Der Geruch gehört zur Produktion. Das Lüftungsgeräusch ist normal. Erst der Blick von außen — oder der Prüfer beim Audit — sieht, was nicht mehr gesehen wird.
Eine Grundreinigung beginnt nicht mit dem Wischmop, sondern mit einer Bestandsaufnahme. Dabei stellen sich konkrete Fragen:
Die Antworten bestimmen, wo der Aufwand hingehört. Nicht jede Fläche braucht dieselbe Aufmerksamkeit. Aber die kritischen Stellen müssen identifiziert sein.
In vier Jahrzehnten haben wir ein Muster beobachtet: Je sauberer die sichtbaren Bereiche, desto größer oft die Überraschung bei den versteckten.
Betriebe mit gepflegten Böden und ordentlichen Arbeitsplätzen haben häufig nie eine systematische Höhenreinigung durchführen lassen. Die Priorität lag auf dem, was Mitarbeiter und Besucher täglich sehen. Das ist nachvollziehbar — aber es verschiebt das Problem, bis es nicht mehr ignoriert werden kann.
Der Anlass ist dann oft ein Audit, eine Versicherungsprüfung, ein Produktionsproblem oder schlicht der Moment, in dem jemand mit einer Taschenlampe nach oben leuchtet.
Industriereinigung ist keine Frage von sauber oder schmutzig. Es ist eine Frage davon, welche Stellen Aufmerksamkeit bekommen — und welche nicht. Die kritischen Bereiche sind selten die offensichtlichen.
Ein systematischer Blick auf die eigene Anlage, mit oder ohne externen Dienstleister, ist der erste Schritt. Alles Weitere ergibt sich daraus.










